„Die westliche Medizin hat ihre Grenzen erreicht“

Christo Vasiliades, Gründer und Leiter der Akademie für Europäisch-Chinesische Medizin und Pharmakologie e.V., über die Globalisierung der Medizin.

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Deutsche GesundheitsNachrichten: Seit einiger Zeit gibt es einen regelrechten Hype um alternative Behandlungsmethoden. Auch viele Schulmediziner integrieren mittlerweile alternative Heilmethoden wie Akupunktur in ihre Therapie. Was ist der Grund für dieses Umdenken?

Christo Vasiliades: Der Grund ist, dass wir trotz vieler wissenschaftlicher Erkenntnisse mit den Erfolgen unserer derzeitigen Medizin nicht zufrieden sein können. Überhaupt stellte sich heraus, dass sich viele der Hoffnungen, die man in die moderne Medizin gelegt hatte, als trügerisch entpuppten. Die Verlängerung der Lebenserwartung ist zwar ein Erfolg, die lang ersehnte Gesundheit jedoch wurde dem Menschen nicht gebracht. Heute werden immer teurere und risikoreichere diagnostische Verfahren entwickelt. Obwohl die Investitionen für die Gesundheit größer sind als nie zuvor, steigt die Zahl solcher Erkrankungen kontinuierlich, bei denen die westliche Medizin wenig helfen kann. Zum Beispiel kann die westliche Medizin im Falle von chronischen Patienten und Neurotikern keine Erfolgsergebnisse vorweisen. Um chronische Krankheiten kurativ zu beherrschen, wurde eine große Anzahl von neuen Medikamenten geschaffen. Leider wuchs parallel dazu auch die Zahl der Nebenwirkungen und der allergischen Krankheiten mit an, wogegen die Medizin wiederrum machtlos ist. Das alles führte letztendlich zu einer gewaltigen Verteuerung des Gesundheitswesens. Dazu kommt, dass viele Patienten die unpersönliche und aggressive Medizin zunehmend ablehnen. Wir stellen also fest, dass die westliche Medizin ihre Grenzen hat. Folglich wenden sich die Menschen den Errungenschaften traditioneller Medizinarten zu und die sind in der Tat in vielen Fällen hilfreich – das ist für uns eine Genugtuung. Am attraktivsten hierbei sind die Angebote der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), die sich gerade durch eine ganzheitliche Betrachtungsweise auszeichnet. Ihre Erfolge sind unübersehbar. Unser Ziel ist es, die Chinesische Medizin mit der westlichen Medizin zu fusionieren. Damit wollen wir zu der unaufhaltbaren Globalisierung der Medizin beitragen. Außerdem streben wir eine Annäherung zwischen medizinischer Wissenschaft und dem praktizierendem Arzt an.

 

Inwiefern arbeitet die Chinesische Medizin anders als die sogenannte moderne Medizin?

Christo Vasiliades ist Leiter der Akademie für Europäisch-Chinesische Medizin und Pharmakologie (Foto:Flickr/Christo Vasiliades)

Christo Vasiliades ist Leiter der Akademie für Europäisch-Chinesische Medizin und Pharmakologie (Foto:Flickr/Christo Vasiliades)

Ein Problem der modernen Medizin ist, dass es viele Experten gibt, die sich oft gezielt auf einzelne Organe beziehen. Krankheiten betreffen aber gleichzeitig mehrere Organe. Dieser Ansatz führt zum einen zu unzulänglichen Behandlungen. Zum anderen wird der Patient in ein Labyrinth geführt, in dem er sich hoffnungslos verläuft. Außerdem reklamiert die westliche Medizin für sich, die perfekte Wissenschaft zu sein, die keine „nichterfassbaren Krankheiten“ kennt. Sie tut sich schwer damit, die Grenzen ihrer realistischen Möglichkeiten aufzuzeigen. Gerade das aber bringt sie in den Augen der Patienten in Misskredit. Das große Problem hierbei ist, dass die ungelösten Probleme der Medizin – anders als bei anderen Wissenschaften – viel mit dem Schmerz und Leid der Menschen zu tun haben. Wenn die medizinische Forschung die Probleme der Menschen unzureichend behandelt, führt das dazu, dass der Mensch von ihr alleine kaum ausreichende Hilfe erwarten kann. Das heißt: wir müssen uns der hochtechnisierten Wissenschaft zum Trotz vieler Außenseitermethoden bedienen. Unserer Auffassung nach müssen die Beschwerden der Menschen zum absoluten Gegenstand der Medizin gemacht werden. Außerdem möchten wir möglichst die ganzheitliche Medizin in balancierter Form gestalten, um das gestörte Verhältnis zwischen Patient und Arzt auf der einen und der medizinischen Wissenschaften auf der anderen Seite wieder herstellen zu können. Und dabei hilft uns das Jahrtausende alte Erbe der Chinesischen Medizin. Das, was die TCM von der westlichen Medizin unterscheidet, ist die Art ihrer Aussage. Die westliche Medizin ist eine körperbezogene Medizin. Im Gegensatz dazu untersucht die Chinesische Medizin Funktionen, Bewegung, Dynamisches und Psychisches. Die Befunde des chinesischen Arztes sind Aussagen über Funktionsstörungen und deshalb eignet sich die TCM zu deren Heilung. Dieser Bereich von Gesundheitsstörungen erfasst genau solche Krankheiten, bei denen die westliche Schulmedizin nicht zu signifikanten Ergebnissen kommt. Umgekehrt schwindet die Erfolgserwartung auf jenen Gebieten, auf denen die westliche Medizin ihre zuverlässigsten Leistungen zustande bringt. Die westliche und die chinesische Medizin sind keine konkurrierenden Systeme, sondern sie ergänzen einander.

 

Bei welchen Krankheiten gibt es konkreten Handlungsbedarf?

Besonders die weltweite demographische und pathosoziale Entwicklung stellt eine Herausforderung für die globalisierte Medizin, die TCM und die Pharmakotherapie dar. Der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung ist nicht nur kontinuierlich, sondern sogar exponentiell angestiegen. Parallel dazu haben vor allem altersassoziierte Erkrankungen deutlich zugenommen. So zum Beispiel Neoplasien, kadiovaskuläre Erkrankungen, Erkrankungen des Skelettsystems, der Haut sowie neurologische und psychiatrische Erkrankungen. Das Augenmerk der TCM gilt den depressiven und paranoiden Störungen, den Angst- und Abhängigkeitserkrankungen im Alter sowie den funktionellen Prozessen. Zum Beispiel liegen die Prävalenzraten in der Altersgruppe der über 65jährigen für depressive Syndrome bei 20-25 Prozent, für die dementiellen Syndrome bei fünf bis zehn Prozent. Die häufigste Demenzform in dieser Altersgruppe ist die Alzheimer-Demenz. Sie weist mit zunehmendem Alter einen exponentiellen Anstieg der Prävalenzraten auf. Zwar sprechen wir nicht von einem Engpass in der westlichen Medizin und der Geriatrie, aber es besteht Einigkeit darüber, dass die therapeutischen Möglichkeiten der allgemeinen Pharmakologie für das Alter und für den übertherapierten Patienten ergänzt werden müssen. Gerade bei chronischen Krankheiten, da wo oft viel Chemie gegeben wird und gerade bei alten Menschen ist die chinesische Medizin mit ihren schonenden Verfahren, mit ihren Kräutern, Massage und Akupunktur sehr hilfreich.

 

Ihre Akademie unterstützt die Fortbildung von Ärzten im Bereich der TCM. Weshalb liegt es ihnen am Herzen, das Wissen weiterzuvermitteln?

Viele europäische Anwender wenden die TCM nach europäischer Diagnostik an. Das ist ein Problem. Wir empfehlen unseren Kollegen, sich der chinesischen Diagnostik zuzuwenden. Damit erweitern sie ihr Verständnis für das breite Spektrum der TCM, welches gerade nicht nur aus Akupunktur besteht. Hier steht unsere Akademie mit ihrer Erfahrung aus der täglichen Praxis und ihrem aufwendigen Lehrstoff zur Seite. Autodidaktische Lehrgänge zur Erfassung der TCM-Diagnostik reichen alleine nicht aus. Deshalb bieten wir die praktische und klinische Anleitung in Form von Wochenendseminaren kombiniert mit wöchentlichen Praktika in unseren Behandlungszentren an. Unser Lehrangebot erfasst alle Bereiche der TCM: die theoretischen Grundlagen, Diagnostik, Rezeptur und Akupunktur. Die praktische Anwendung und die zeitgemäße Erforschung der Chinesischen Medizin sind Bestandteil unserer Akademiearbeit. Außerdem helfen renommierte chinesische Lehrer bei der qualitativen Verbesserung des Lehrangebots. Desweiteren wird mit der Gründung eines Fachgremiums eine Plattform für universitäre Forscher, niedergelassene Ärzte und Angehörige spezialisierter Heilberufe zur effizienten Kommunikation zwischen den Vertretern der chinesischen und der westlichen Medizinkultur realisiert. Auch bereichern wir die Therapiemöglichkeiten durch individuell rezeptierte Arzneien, von denen viele in Apotheken verkäuflich sind und die wichtigsten auf ärztliches Rezept zu erhalten sind. Zu Fragen hierzu stehen wir zu Verfügung. Eine weitere Aufgabe unserer Akademie ist es, TCM-Vorlesungen zur Pflicht zu machen. Leider werden die Kosten für bestimmte Behandlungen von den Krankenkassen nicht erstattet. Noch schlimmer ist, dass jeder menschennahe ärztliche Individualist nur noch über Hindernisse berufspolitischer Art stolpert, wenn er dem Patienten alternative Behandlungsformen anbieten möchte. Wir gehen konsequent gegen Fachegoismus, Dogmatismus und provinzielles Denken in der Medizin vor.

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