Multiple Sklerose: Patienten nehmen Todesrisiko in Kauf

Wegen der höheren Lebensqualität nehmen viele MS-Patienten ein Medikament mit gefährlichen Nebenwirkungen: Trägt einer der MS-Kranken das JC-Virus in sich, darf er das Medikament Tysabri nicht länger als zwei Jahre lang einnehmen.

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Mehr als die Hälfte der Patienten, die an multipler Sklerose leiden, trägt ein tödliches Virus in sich. Dieses kann durch die Einnahme des effektiven, aber nicht ungefährlichen MS-Medikaments Tysabri reaktiviert werden. Das Virus würde dann von den Nieren zum Gehirn wandern und dort Zellen zerstören, was bis zum Tod des Patienten führen kann.  Die Gefahr, dass das Virus reaktiviert wird, steigt nach zwei Jahren der Einnahme von Tysabri. Doch viele Patienten weigern sich dennoch, auf die monatlichen Tysabri-Infusionen zu verzichten, berichtet Bloomberg. Denn das Medikament wird für eine enorme Erhöhung der Lebensqualität verantwortlich gemacht. Es senkt das Rückfallrisiko um 68 Prozent.

Für ein Leben ohne Beschwerden setzen manche MS-Patienten viel aufs Spiel. (Foto: Flickr/Håkan Dahlström)

Für ein Leben ohne Beschwerden setzen manche MS-Patienten viel aufs Spiel. (Foto: Flickr/Håkan Dahlström)

Der Hersteller Biogen macht mit Tysabri jährlich 1,1 Milliarden Umsatz. Es ist das wirksamste verfügbare MS-Medikament, darf aber in der EU und den USA nur zwei Jahre lang angewandt werden. Zudem ist Tysabri nur dann zugelassen, wenn die Erkrankung bei den Patienten weit fortgeschritten ist und andere Behandlungen versagt haben. Die Patienten müssen sich registrieren lassen und werden streng überwacht.

Bei der chronischen Krankheit multiple Sklerose greift das Immunsystem aus bisher ungeklärter Ursache das Gehirn, das Rückenmark und die Sehnerven an. Die Symptome reichen von Benommenheit oder Verlust der Koordination bis zu Lähmungen und Erblindung. Der häufigste Verlauf ist durch erschreckende Rückfällen (Schübe) gefolgt von ruhigen Phasen der Erholung gekennzeichnet. Es gibt keine Heilung.

Weltweit sind 2,1 Millionen Menschen an multipler Sklerose erkrankt. Derzeit wenden 60.000 von ihnen Tysabri über die zwei empfohlenen Jahre hinaus an. Ärzte, die ihre Patienten über die Risiken aufklären, treffen auf erbitterten Widerstand. Viele Patienten leben lieber mit dem Risiko, nur um nicht im Rollstuhl sitzen zu müssen. Auch wenn sie zu den 55 Prozent der MS-Patienten gehören, die das gefährliche JC-Virus in sich tragen.

Der Neurologe James Stankiewicz empfiehlt seinen Patienten, Tysabri nach zwei Jahren abzusetzen, wenn sie Antikörper gegen das JC-Virus gebildet haben. Wenn ein Risikopatient auf der Behandlung mit dem Medikament bestünde, dann würde er ihn an einen Kollegen verweisen. „Das Risiko ist real.“ Patienten, die das JC-Virus nicht in sich tragen, können Tysabri beliebig lange nehmen. Sie werden allerdings weiter regelmäßig auf Antikörper getestet.

Die Statistiken des Herstellers Biogen zeigen, dass sich das Risiko des Medikaments über die Zeit erhöht. Die Gefahr einer Infektion mit dem Virus beträgt im ersten Jahr 0,005 Prozent. Nach einem Jahr ist das Risiko mit 0,4 Prozent 80-mal so hoch. Dennoch sagt eine 40-jährige Patientin: „Das Risiko, dass ich mit dem Flugzeug abstürze, könnte größer sein. Ich habe nichts zu verlieren.“

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