Forscher kritisieren: Pflegereform der Regierung reicht nicht aus

Die Anstrengungen Gröhes für eine Reform des Pflegesektors reichen nicht einmal aus, um den Status Quo zu sichern. Kritiker der Pläne des Gesundheitsministers argumentieren, dass die Pflegeberufe in Deutschland zu schlecht bezahlt sind. Fachkräfte verdienen im Ausland mehr. Die Kosten der Pflegereform könnten also noch explodieren, um im Wettbewerb wieder schritthalten zu können.

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Junge Menschen müssen für Pflegeberufe begeistert werden. Im zweiten Schritt müssen sie die Rahmenbedingungen vorfinden, um in Deutschland gut bezahlte Arbeit zu finden. (Foto: Flickr/GIP Intensivpflege/CC BY-ND 2.0)

Junge Menschen müssen für Pflegeberufe begeistert werden. Im zweiten Schritt müssen sie die Rahmenbedingungen vorfinden, um in Deutschland gut bezahlte Arbeit zu finden. (Foto: Flickr/GIP Intensivpflege/CC BY-ND 2.0)

Das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP) kritisiert die geplante Pflegereform des Gesundheitsministers. Es gebe nicht nur zu wenige Stellen, diese würden zudem zu schlecht bezahlt. Die geplanten Maßnahmen reichen nicht aus, um die Qualität der Pflege zu halten oder gar zu verbessern.

Hermann Gröhe hatte seine Ziele zur Bekämpfung des Fachkräftemangels in der Altenpflege zuvor konkretisiert.  „Geplant ist, die Ausbildungszahlen in der Altenpflege bis zum Jahr 2015 um 30 Prozent zu erhöhen“, sagte Gröhe der Rhei­nischen Post am Montag. „4.000 Pflegehelfer sollen zu Fachkräften weiterqualifiziert werden.“ Das Leistungsvolumen der Pflege in Deutschland soll durch diese Maßnahmen um 20 Prozent gesteigert werden.

Es komme aber auf viel mehr an, als nur die Zahl der Pflegestellen zu erhöhen, so die Forscher. „Mit jeder Pflegereform, die wir in den vergangenen Jahren erleben durften, hat sich die berufliche Situation für die Pflege eher verschlechtert“, sagte der Direktor des DIP, Frank Weidner.

Im Vergleich zu den Nachbarländern sei der Fachkräftemangel in Deutschland besonders ausgeprägt. Zudem lägen die öffentlichen Investitionen in den Pflegebereich deutlich unter dem Niveau der anderen west- und nordeuropäischen Länder. „Die Arbeitsbedingungen sind deshalb hierzulande vergleichsweise schlecht, die Vergütungen zu gering“, sagte Weidner.

Die Bezahlung müsse verbessert werden, sagte Pflegeratspräsident Andreas Westerfellhaus beim ersten Deutschen Pflegetag am vergangenen Donnerstag. Deutliche Worte kommen auch vom AOK-Chef Jürgen Graalmann: „Symbolpolitik reicht längst nicht mehr. Tatsächlich erwartet uns aber ein Zeitalter der Pflege.“ Pflegebedürftige, Angehörige und Pflegekräfte wünschten sich einfach mehr Tempo bei der Umsetzung einer großen Pflegereform.

Der Mangel an Pflegekräften in Deutschland sei mittlerweile flächendeckend. Zudem benötigen Altenheime mehr als vier Monate, um eine frei gewordene Stelle wieder mit einer neuen Fachkraft zu besetzen. Bis die geplante Pflegereform – die noch gar nicht mit den Bundesländern ausgehandelt ist – greifen kann, können noch Jahre vergehen, in denen die Qualität der Pflege in Deutschland stagniert oder gar abnimmt.

In dieser Zeit werde Deutschland weiterhin Pfleger an die Schweiz, Österreich, Luxemburg, die Niederlande und Skandinavien verlieren, glaubt Weidner. Eine Erhöhung der Ausbildungszahlen um 30 Prozent bis 2015, so wie sie Gröhe derzeit anstrebt, könnte daher nicht einmal ausreichen, um die Qualität der Pflege auf dem derzeitigen Niveau zu halten.

Der Gesundheitsminister will die Ausbildung zur Pflegekraft kostenlos gestalten, um die finanzschwache Kliniklandschaft nicht zu belasten (mehr dazu – hier). Die Pflegeberufe sollen in Zukunft mit einer einheitlichen Grundausbildung starten, damit „der Wechsel zwischen den Berufen in der Kinder-, Kranken- und Altenpflege erleichtert“ werde. Auf die Grundausbildung soll eine Phase der Spezialisierungfolgen.

Um das alles zu bezahlen, soll der Beitrag zur Pflegeversicherung um 0,1 Prozentpunkte angehoben werden. Ab 2015 soll dadurch eine zusätzliche Milliarde Euro pro Jahr in einen Fonds gesteckt werden, der von der Bundesbank verwaltet wird. Das Geld soll als Reserve für die Zeit verwendet werden, in der die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen erhöht sich von heute 2,5 Millionen auf 3,5 Millionen im Jahr 2020, so der Minister.

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