Suizid-Risiko: Bluttest könnte neues Frühwarnsystem werden

Mediziner sollen Suzidigefährdete künftig mittels einer Blutprobe identifizieren können. US-Forscher haben bei Selbstmördern die verminderte Aktivität eines Gens ausgemacht, das negative Gedanken kontrolliert und impulsives Verhalten unterdrückt. Mit einem darauf hin entworfenen Test lagen die Wissenschaftler zu fast 100 Prozent richtig.

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Um eine Feinbestimmung handelt es sich beim entworfenen Bluttest nicht. Aber er liefert zumindest erste Anhaltspunkte für erhöhte Aufmerksamkeit. (Foto: Flickr/ 100_8965 by AlishaV CC BY 2.0)

Um eine Feinbestimmung handelt es sich beim entworfenen Bluttest nicht. Aber er liefert zumindest erste Anhaltspunkte für erhöhte Aufmerksamkeit. (Foto: Flickr/ 100_8965 by AlishaV CC BY 2.0)

Das Team um Zachary Kaminsky von der Johns Hopkins Medicine in Baltimore stieß bei ihren Forschungen auf einen genetischen Indikator, der die Anfälligkeit eines Menschen für die Auswirkungen von Stress und Angst erkennen lässt. Sie nehmen an, dass dieses Gen ein wichtiger Auslöser für einen Selbstmord sein könnte. Sie hoffen nun, mit Hilfe eines eigens entworfenen Bluttests, solche Taten künftig verhindern zu können.

Das Team hatte zunächst 150 postmortale Hirnproben von gesunden Menschen und solchen mit psychischen Erkrankungen untersucht. Darunter befanden sich auch einige, die Selbstmord begangen hatten. Dabei stellten sie fest, dass bei Letzteren das so genannte SKA 2-Gen im präfrontalen Cortex vermindert abgelesen wurde. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher an diesem Mittwoch im American Journal of Psychiatry.

Kaminsky und seine Kollegen führten das auf eine DNA-Methylierung, also eine chemische Abänderung an Grundbausteinen der Erbsubstanz einer Zelle, zurück. Dabei handelt es sich um eine epigenetische Veränderung (mehr hier), ausgelöst durch Umweltfaktoren. Die Folge: Eine vermehrte Frei­setzung des Stresshormons Cortisol, das schon in früheren Untersuchungen bei Menschen mit einem erhöhten Suizidrisiko gefunden werden konnte. So spielt der Wert des Cortisol-Spiegels bei Depression im jugendlichen Alter eine große Rolle (mehr hier).

Die epigenetische Veränderung war allerdings nicht nur im Gehirn, sondern auch in allen anderen Zellen des Körpers nachzuweisen. Entsprechend führten sie also auch Blutproben bei mehr als 325 Personen durch, die schon einmal versucht hatten, sich das Leben zu nehmen. Gleich drei verschiedene Testreihen führten anschließend zum gleichen Ergebnis: In allen Fällen fand sich der gleiche Biomarker. Eine DNA-Methylierung stand stets mit dem Suizid-Risiko in Verbindung.

Aufgrund dieser Resultate entwarfen Kaminsky und sein Team einen eigenen Bluttest. Mit Erfolg:

„Personen mit suizidalen Gedanken oder einem versuchten Suizid konnten zu 80 Prozent erkannt werden, behauptet Kaminsky. Bei Patienten mit dem höchsten Suizidrisiko steige die Genauigkeit des Tests auf 90 Prozent, und bei jüngeren Probanden wollen die Forscher die Suizidalität sogar zu 96 Prozent vorhersagen können“, berichtet hierzu das Ärzteblatt.

Völlig ausgereift sind die Untersuchungen aber noch nicht: Der Biomarker zeige die Anfälligkeit eines Menschen für Stress und Angst, zitiert die Washington Post den Assistenz-Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der Johns Hopkins University School of Medicine. Keinesfalls sage er aus, ob eine Person künftig Selbstmordgedanken haben werde. Es könne lediglich die Belastbarkeit angezeigt werden. Das sei wie mit dem Überqueren einer Straße. Man sei nicht dazu bestimmt, überfahren zu werden. Aber es könnte dazu ermutigen, künftig vorsichtiger zu sein.

Kaminsky zufolge gebe es Skalen der Schwere und der unterschiedlichen Spektren zur Kontemplation, Planung und zu Selbstmordversuchen. Der Biomarker könne daher kein Test für alle Fälle sein. Die Studie habe nur den chemische Marker ausgemacht, wie eine Person von Stress und Angst betroffen sei. Dieser Biomarker könnte jedoch bei der Entscheidung helfen, etwa, ob eine verstärkte Überwachung einer Person notwendig sein könnte.

Noch stünde eine Bestätigung durch andere Forschergruppen aus, so auch die deutschen Kollegen. Falls sich die Ergebnisse aber reproduzieren ließen, könnte dies zur Entwicklung eines Bluttests auf Suizidalität führen, „der auf breites Interesse stoßen dürfte“. Ein breites Anwendungsspektrum scheint dem Ärzteblatt zufolge jedenfalls denkbar, angefangen von der Diagnostik auf psychiatrischen Notfallaufnahmen bis zur Auswahl von Bewerbern für Berufe, in denen es stressbedingt zu einem erhöhten Suizidrisiko komme. „Ein Beispiel wären Soldaten, die in Krisengebieten eingesetzt werden“, heißt es hierzu.

Wie das Statistische Bundesamt im Dezember 2013 bekannt gegeben hat, starben im Jahr 2012 deutlich mehr Menschen durch Selbstmord als durch Verkehrsunfälle, Mord und Totschlag, illegale Drogen und Aids zusammen. 1,1 Prozent aller Sterbefälle dieses Jahres, insgesamt 9890 Fälle, waren Suizide. Betroffen waren dreimal so viele Männer wie Frauen.

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