Feierabend: TV und Videospiele haben keinen Entspannungs-Effekt

Sich nach der Arbeit durch das TV-Programm zappen oder ein paar Runden digitale Spielerei sind beim Abschalten weniger hilfreich, als bislang gedacht. Eine aktuelle Studie kommt sogar zu dem Schluss: Nach solchen Feierabendaktivitäten fühlen sich viele meist sogar schlechter als zuvor. Der Grund: Sie erzeugen erneut Gefühle wie Schuld oder Versagen.

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Betroffene wünschen sich oft, statt fernzusehen oder zu spielen, etwas sinnvolleres getan zu haben. (Foto: Flickr/ The Wire by Caitlin Regan CC BY 2.0)

Betroffene wünschen sich oft, statt fernzusehen oder zu spielen, etwas sinnvolleres getan zu haben. (Foto: Flickr/ The Wire by Caitlin Regan CC BY 2.0)

Bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass Menschen ihre Erschöpfung schneller überwinden können, wenn sie Videospiele spielten oder sich stimulierende Videos ansahen. Angeblich konnten sie sich auf diese Weise leichter vom Alltag mit all seinen Belastungen lösen und stattdessen Gefühle der Erfüllung und Kontrolle erleben. Diese Theorie wurde nun widerlegt. Offenbar ist nicht selten genau das Gegenteil der Fall.

Forscher von der Johannes Gutenberg University Mainz und der VU University Amsterdam veröffentlichten nun eine Studie mit dem Titel „The Guilty Couch Potato: The Role of Ego Depletion in Reducing Recovery Through Media Use“. Darin kommen Leonard Reinecke, Tilo Hartmann und Allison Eden zu dem Schluss, dass Spiele und Videos bei bestimmten Personen eher Gefühle von Versagen und Schuld evozieren, also genau das Gegenteil des gewünschten Effekts bewirken. Statt Entspannung stellt sich bei ihnen nach dem Spielen von Videospielen oder Fernsehen ein Gefühl von Depression und Frust ein.

In ihrer Studie beschreiben die Wissenschaftler Ego-Depletion als eine Erschöpfung der Willenskraft. Eine Person, die diese Selbsterschöpfung erlebt, ist eher lustlos und müde, impulsiver und dazu verleitet, fetthaltige Lebensmittel essen, um sich besser zu fühlen. Ihren Medienkonsum beschreiben die Betroffenen selbst als Prokrastination, statt das Ganze als Unterhaltung oder Entspannung zu bezeichnen. Das gleiche gilt für Social Media Websites wie Twitter und Facebook.

Um ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, was Ego-Depletion bedeutet, ist es sinnvoll, sich die menschliche Willenskraft wie einen ‚Muskel‘ vorzustellen“, zitiert das Fachmagazin Tech Times Studienleiter Leonard Reinecke. „Immer, wenn wir Selbstkontrolle einsetzen, um einer Versuchung zu widerstehen oder mit einer unangenehmen Aufgabe fortfahren, wird die Stärke dieses ‚Muskels‘ erschöpft.“

Für ihre Studie befragte das Team insgesamt 471 Teilnehmer von einer deutschen Gaming-Website sowie aus Psychologie- und Kommunikationsklassen an zwei Universitäten in Deutschland und der Schweiz. Im Schnitt waren die Probanden 25 Jahre alt.

Via Online-Umfrage wollten die Forscher wissen, wie deren Tag war und wie sie sich nach der Schule oder der Arbeit fühlten. Abgefragt wurde auch, ob sie am Feierabend fernsahen oder spielten, um sich zu entspannen. Die Zeit, die sie in der Schule oder bei der Arbeit verbrachten, betrug zwischen einer halben und 16 Stunden. Diejenigen, die am Abend spielten, taten dies im Schnitt 2,6 Stunden. Diejenigen, die lieber fernsahen, taten dies durchschnittlich 1,73 Stunden. Die Forscher fanden heraus, dass diejenigen, die nach einem Tag selbsterschöpft waren, eher dazu neigten, den Medienkonsum zu Feierabend als verschwendete Zeit zu betrachten. Ihr Risiko war höher, sich schuldig zu fühlen, vor Computer oder TV gesessen, anstatt etwas Produktives getan zu haben, wie zum Beispiel Sport, Kunst oder gesellschaftliche Veranstaltungen.

„Jene Menschen können weniger vom psychologischen Erholungspotential von Unterhaltungsmedien profitieren und das trotz ihres größeren Bedarfs an Erholung. Diese Erkenntnisse sind ein wichtiger Schritt zum Verständnis der Schlüsselrolle der Bewertungsprozesse für die Medien-induzierte Erholung und das Entertainment-Erlebnis“, so das Forscher-Team.

Eine aktuelle Umfrage hierzulande zeigt zudem: Arbeitnehmer können mit Überforderung nicht richtig umgehen. Der Wunsch nach einer Auszeit oder private Termine sind für überforderte Angestellte ein Grund, um der Arbeit fern zu bleiben. Konflikte mit dem Chef sind hingegen fast nie Grund dafür. Die Mehrheit der überforderten Angestellten schleppt sich noch mit einer Krankheit zur Arbeit. Ein geringerer Anteil macht blau. Beides zeugt von einem falschen Umgang der Arbeitnehmer mit Überlastung (mehr hier).

 

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