Ausschaltung von Risikofaktoren: Veränderter Lebensstil bringt bis zu 17 zusätzliche Jahre

Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) haben errechnet, wie viel Lebenszeit ein Mensch durch bestimmte Verhaltensweisen durchschnittlich einbüßt. Sie stellten fest: Der Verzicht von Alkohol und Zigaretten sowie ein geringer Fleischkonsum bringen statistisch betrachtet bis zu 17 weitere Jahre. Entscheidend dabei ist jedoch die innere Einstellung.

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Die Forscher machten das Rauchen als größten Risikofaktor aus. (Foto: Flickr/ smoking by francois karm CC BY 2.0)

Die Forscher machten das Rauchen als größten Risikofaktor aus. (Foto: Flickr/ smoking by francois karm CC BY 2.0)

Die DKFZ-Epidemiologen um Professor Rudolf Kaaks bringen die vermeintlich lebensverlängernden Maßnahmen auf eine einfache Formel: „Wer auf Alkohol und Zigaretten verzichtet, dazu nur wenig rotes Fleisch und Wurst isst und auf ein normales Gewicht achtet, lebt bis zu 17 Jahre länger.“ Das ergab ihre Auswertung der Daten der Heidelberger EPIC-Teilnehmer. Wesentlich für die Gesundheit ist aber auch die eigene, psychische Verfassung.

Das Team um Kaaks wollte wissen: Wie viel raubt jedes einzelne Risikoverhalten von der durchschnittlichen Lebenserwartung eines heute 40-Jährigen? Und wie sehen die Auswirkungen der kombinierten Risiken aus? Für die Forscher, die ihre Ergebnisse auch bei BMC Medicine veröffentlichten, ergab sich nach der Analyse des riesigen Datensatzes ein für sie klares Bild:

„Das günstigste Risikoprofil und damit die größte Lebenserwartung hatten demnach Nichtraucher (und Nichtraucherinnen) mit einem Body Mass Index* zwischen 22,5 und 24,9, die wenig Alkohol tranken, körperlich aktiv waren und wenig rotes Fleisch, dafür aber viel Obst und Gemüse aßen: Diese Menschen dürfen sich im Alter von 40 auf 47,5 (Männer) bzw. sogar 48,7 weitere Lebensjahre (Frauen) freuen.“

Die Wissenschaftler identifzierten das Rauchen als die wohl schädlichste Angewohnheit. Sie stellten fest, dass einem männlichen Raucher der Konsum von mehr als zehn Zigaretten täglich 9,4 Lebensjahre kostet. Auch Frauen würden aufgrund des Lasters 7,3 Jahre an Lebenserwartung verlieren. Als weitere Lebensstilfaktoren mit Einfluss auf die Lebensdauer machten sie Adipositas, starker Alkoholkonsum und hoher Verzehr an rotem Fleisch aus. Auswirkungen hatte aber auch ein Body Mass Index unter 22,5 kg/m2. So koste starkes Übergewicht 3,1, bzw. 3,2 Jahre. Hoher Alkoholkonsum, also mehr als vier Drinks pro Tag, brächte Männer um 3,1 Jahre. Ein übermäßiger Genuss von rotem Fleisch wirke sich bei Frauen mit 2,4 und bei Männern mit 1,4 Jahren aus. Ein entsprechend niedriger Body Mass Index schlug mit 3,5 Jahren bei Männern und 2,1 Jahren bei Frauen zu Buche. Ein Wert zwischen 18,5 und 25 wird als Normalgewicht bezeichnet. Fettleibigkeit oder Adipositas beginnt mit einem BMI von 30.

Tritt bei Personen eine Kombination dieser Risikofaktoren auf, ergibt sich den Wissenschaftlern zufolge diese Rechnung:

„Demzufolge büßt ein adipöser starker Raucher, der viel trinkt und viel rotes Fleisch verzehrt, gegenüber dem Mitmenschen mit günstigstem Risikoprofil bis zu 17 Jahre an Lebenserwartung ein. Bei einer Frau wären es 13,9 Jahre.“

Nach Einschätzung der Mediziner sind die nun gewonnenen Erkenntnisse von besonderer Bedeutung. „Oft werden wissenschaftliche Hinweise auf einen gesunden Lebensstil als ‚erhobener Zeigefinger‘ empfunden“, so Rudolf Kaaks, Leiter von EPIC Heidelberg. „Deswegen ist es wichtig, dass wir ganz klar beziffern, was jeder einzelne an Lebenszeit gewinnen kann, wenn er frühzeitig auf ungesunde Angewohnheiten verzichtet.“

Als Grundlage ihrer Analyse dienten den DKFZ-Epidemiologen die Heidelberger EPIC-Teilnehmer. Bereits seit 20 Jahren beteiligt sich das Deutsche Krebsforschungszentrum an der gesamteuropäischen Studie EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) zum Zusammenhang von Ernährung, Lebensstilfaktoren und Krebs. Die prospektive Kohortenstudie dokumentiert die Lebensstilfaktoren von über einer halben Million Europäer und zählt damit zu den größten Studien ihrer Art weltweit. Allein aus dem Raum Heidelberg gibt es 25.540 Studienteilnehmer, die im Laufe der Jahre gleich mehrfach befragt wurden.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum weist aber auch darauf hin, dass es offenbar nicht nur auf den Verzicht bestimmter Risikofaktoren ankommen könnte. Wichtig scheint eher das Gesamtbild zu sein. Selbst auferlegte Zwänge scheinen da also nicht besonders zuträglich. Vielmehr gilt es offenbar, den eigenen Lebensstil so zu gestalten, dass die eigenen Bedürfnisse am besten befriedigt werden und so ein dauerhaftes psychisches Wohlbefinden entsteht. Hierzu heißt es:

„In Studien konnte bisher kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Stress, Depression oder bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und der Krebsentstehung gefunden werden. (…) Dass die Psyche das Verhalten bestimmt, liegt auf der Hand: Wer Stress oder Ärger mit Zigaretten und Alkohol begegnet, hat auch ein höheres Krebsrisiko.“

Dem DKFZ zufolge gingen Fachleute derzeit davon aus, dass Zusammenhänge – wenn sie vorhanden sein sollten – indirekt seien. Kummer, Depression oder andere psychische Belastungen hätten demnach vor allem eine Bedeutung, wenn sie zu gesteigertem Alkohol- und Tabakkonsum oder zu anderen Risikofaktoren führten. Nach Ansicht der Fachleute würden sich aus dem derzeit noch sehr bruchstückhaften Wissen über seelische Einflüsse auf die Krebsentstehung keine Rezepte für die Lebensführung ableiten lassen. Außer dem Rat, bekannte krebsfördernde Risiken zu vermeiden, sich viel zu bewegen und gesund zu ernähren, gebe es ihres Erachtens keine Empfehlung für eine Lebensweise mit „Gesundheitsgarantie“. Aber:

Als gesundheitsfördernd im umfassenderen Sinn sollte man alles betrachten, was zum individuellen seelischen Wohlbefinden beiträgt.

 

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