Zurück zum Papier: Leser von E-Büchern können weniger behalten

Forscher aus Norwegen und Frankreich haben herausgefunden, dass digital gelesene Inhalte nicht so gut im Gedächtnis haften bleiben wie gedruckte. Als Ursache vermuten die Wissenschaftler die abstrakte Leserfahrung via Bildschirm, die sich grundlegend von Büchern unterscheidet.

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Damit Inhalte nicht vollständig verschwinden, sollten bestimmte Texte lieber in gedruckter Form gelesen werden. (Foto: Flickr/ reading water by Peter Werkman (www.peterwerkman.nl) CC BY 2.0)

Damit Inhalte nicht vollständig verschwinden, sollten bestimmte Texte lieber in gedruckter Form gelesen werden. (Foto: Flickr/ reading water by Peter Werkman (www.peterwerkman.nl) CC BY 2.0)

Anne Mangen von der Universität Stavanger in Norwegen und ihr Kollege Jean-Luc Velay von der Universität Aix-en-Provence in Frankreich haben in einer Untersuchung festgestellt, dass ihre Probanden unabhängig vom Medium die gleichen emotionalen Reaktionen und Antworten auf generelle Fragen geben konnten. Wurde es dann aber konkreter und bestimmte Handlungen innerhalb einer Geschichte abgefragt, schnitten die digitalen Leser deutlich schlechter ab. Welche komplexen Zusammenhänge dahinter stecken, muss nun noch untersucht werden.

Insgesamt zogen die Medienwissenschaftlerin und der Neurophysiologe 50 Studenten für ihre Untersuchung heran. Allesamt mussten sie eine Kurzgeschichte von Elizabeth George lesen. Die eine Gruppe las den 28 Seiten langen Text als Taschenbuch. Die zweite Gruppe erhielt einen Kindle DX. Danach wurden die beiden Gruppen entsprechend befragt. Das Ergebnis: Gingen die Fragen zu Handlungsort und Figuren nicht in die Tiefe, waren beide Parteien gleich gut. Ging es dann aber darum, wann bestimmte Ereignisse innerhalb der Handlung passierten, konnten sich die Papier-Leser besser erinnern. Ihnen gelang es, die Geschehnisse sowie die Reihenfolge von 14 zuvor festgelegten Handlungspunkten fast doppelt so gut zu rekonstruieren wie die digitalen Leser, so der Guardian.

Noch ist für das Forscher-Duo noch nicht abschließend klar, warum die Leseerfahrungen derart unterschiedlich ausfallen. Es gibt jedoch erste Anhaltspunkte: „Für uns ist interessant, dass die Unterschiede sowohl mit Zeit als auch mit Zeitlichkeit in Verbindung stehen – warum ist das so?“, zitiert die New York Times Anne Mangen. Die Wissenschaftler vermuten, dass die haptische und taktile Rückmeldung eines Kindle nicht die gleiche Unterstützung für die geistige Rekonstruktion einer Geschichte bietet, wie es ein gedrucktes Buch vermag. Lese man ein Buch, könnten die Finger die Seiten spüren. Man könne das Fortschreiten der Geschichte förmlich an den Blätterstapeln sehen und fühlen. Es entstehe ein taktiles Gefühl von Fortschritt, zusätzlich zum visuellen. Das alles fehlt bei der digitalen Version.

Die Wissenschaftlerin hat im vergangenen Jahr bereits ähnliche Erfahrungen bei einem Versuch mit 72 Zehntklässlern aus Norwegen machen können, die ebenfalls zwei Texte mit verschiedenen Medien lesen sollten. Schon damals stellte sie fest, dass das Leseverständnis der traditionellen Buchleser deutlich besser war. Zuvor forschte Mangen bereits 2011 mit Velay zusammen. Gemeinsam gingen sie der Frage nach, was beim Schreiben per Hand bzw. auf einer Tastatur im Gehirn passiert. Sie stellten fest, dass das Lernen leichter vonstatten geht, wenn zum Stift gegriffen wird. Für die Wissenschaftlerin offenbar keine Überraschung. Sie wies in diesem Zusammenhang darauf hin: „Unsere Körper sind dafür gemacht, mit der Welt um uns herum zu interagieren. Wir sind lebende Wesen und dafür gemacht, Gegenstände zu benutzen – sei es ein Buch, eine Tastatur oder einen Stift – um bestimmte Aufgaben zu erledigen.“ Das Fazit des Experiments lautete entsprechend: „Beim Schreiben mit der Hand erhält unser Gehirn das Feedback unserer motorischen Aktionen, zusammen mit dem Gefühl der Berührung mit einem Bleistift und Papier. Diese Art von Feedback ist signifikant verschieden von dem, was wir beim Berühren und Tippen auf einer Tastatur erhalten.

Die aktuellen Ergebnisse präsentierten Mangen und Velay Ende Juli auf einer Konferenz in Turin. Das Team ist sich jedoch einig, dass nun Folgestudien notwendig sind, um die Auswirkungen der Digitalisierung auf unser Leseverständnis tiefer gehend zu analysieren. So gilt es etwa der Frage nachzugehen, was genau auf welche Weise beim Lesen auf eBook Readern verloren geht und welche Inhalte künftig über welche Medien angeboten werden sollten.

Eines ist für die europäischen Wissenschaftler auf diesem Gebiet jedoch bereits klar: „Die Forschung zeigt, dass der Zeitaufwand für das Lesen langer Texte im Niedergang begriffen ist und auf Grund der Digitalisierung das Lesen immer intermittierender und fragmentierter wird.“ Zudem gebe es Hinweise, dass sich Bildschirme negativ auf die kognitiven und emotionalen Aspekte des Lesens auswirken könnten.

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