Kinderlähmung: Doppelte Impfung könnte Krankheit schneller ausrotten

Ein indisches Forscherteam hat offenbar eine Möglichkeit entdeckt, die Menschheit endgültig von der gefährlichen Kinderlähmung zu befreien. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass eine doppelte Impfung wesentlich wirkungsvoller ist, als der Einsatz einzelner Varianten. Zuletzt sorgte Polio wieder für Angst und Schrecken in zahlreichen Staaten, darunter auch im kriegsgebeutelten Syrien.

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Eine Schluckimpfung muss häufiger wiederholt werden. Eine Kombination mit der Spritze scheint wesentlich effektiver. (Foto: Flickr/ POLIO IMMUNIZATION IN LUCKNOW by RIBI Image Library CC BY 2.0)

Eine Schluckimpfung muss häufiger wiederholt werden. Eine Kombination mit der Spritze scheint wesentlich effektiver. (Foto: Flickr/ POLIO IMMUNIZATION IN LUCKNOW by RIBI Image Library CC BY 2.0)

Das Forscherteam um Hamid Jafari vom India National Polio Surveillance Project der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Neu Delhi hat in seiner Studie rund tausend Kinder im Alter von sechs Monaten bis zehn Jahren untersucht. Dabei stellten sie fest: Die Kombination von zwei Impfstoffen schützt besser vor Kinderlähmung als die beiden einzelnen Mittel.

Derzeit gibt es zwei Varianten, um die Bevölkerung vor einer Kinderlähmung zu schützen: Zum einen die in Deutschland praktizierte Spritzimpfung (Salk) mit inaktivierten Viren, die vor allem in der Blutbahn wirkt. Zum anderen die weltweit verbreitete, aber zugleich risikoreichere Schluckimpfung (Sabin) mit abgeschwächten, aber noch funktionstüchtigen Erregern. Letztere kann in seltenen Fällen zum Ausbruch der Krankheit führen, sie erzeugt aber auch eine Schleimhautimunität, die die Kinder noch wirkungsvoller vor einer Erkrankung schützt. Das Problem: Diese Immunität kann schnell wieder nachlassen und macht schließlich mehrere Schluckimpfungen erforderlich. Ein Umstand, der in Krisenherden durchaus zu großen Problemen führen kann.

Genau hier setzten die Forscher an. Sie stellten sich die Frage: Kann eine Kombination verschiedener Impfungen die Schleimhautimmunität erhöhen? In einem großangelegten Versuch verabreichten sie Kindern im Norden Indiens entweder Salk, Sabin oder überhaupt keine Impfung. Einen Monat später bekamen dann alle die Schluckimpfung. Das Ergebnis: Diejenigen, die zuerst eine Spritz- und dann eine Schluckimpfung erhielten, verfügten über eine höhere Schleimhautimmunität. Mit der Kombination aus beiden Impfungen bekamen die Forscher zudem ein weiteres Problem in den Griff. Die Anzahl der ausgeschiedenen Polio-Viren konnte reduziert werden. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science. Ihr Fazit: „Die Gabe beider Impfstoffe könnte dazu beitragen, den globalen Niedergang der Kinderlähmung zu beschleunigen.“

Die Krankheit gilt in Deutschland aufgrund der hohen Impfquote als ausgerottet. Im vergangenen Jahr tauchten jedoch wieder vermehrt Erreger in Israel auf. Experten warnten damals vor einer Ausbreitung in andere Länder. Nur einen Monat später wurden dann die Vereinten Nationen auf den Plan gerufen. Anfang November 2013 starteten sie die bisher größte Polio-Impfkampagne im Nahen Osten. Das Ziel: Mehr als 20 Millionen Kinder in sieben Ländern sollten immunisiert werden. Hintergrund war der Ausbruch der gefährlichen Kinderlähmung im kriegsgebeutelten Syrien.

Wie schnell sich das Virus ausbreiten kann, zeigte sich übrigens auch 2010, als es in Tadschikistan zu mehr als 450 bestätigten Erkrankungen kam und der Virus auch in den Nachbarländern Russland, Turkmenistan und Kasachstan nachgewiesen werden konnte. Eine schnell durchgeführte Impfkampagne verhinderte damals eine Ausbreitung des Poliovirus nach Europa. Zuletzt hatte die WHO im verganenen Mai eine internationale Polio-Notlage ausgerufen, nachdem sich Anfang des Jahres Polio-Viren inn zehn Staaten ausgebreitet hatten.

Weltweit ist die Zahl der Polioerkrankungen seit dem Beginn der „Global Polio Eradication“-Initiative in 1988 von damals 350.000 Erkrankungen in mehr als 125 Ländern auf nur noch wenige hundert zurückgegangen. Heute tritt Kinderlähmung nur noch in drei Ländern regelmäßig auf: Pakistan, Afghanistan und Nigeria.

Nicht nur die deutsche, auch die europäische Bevölkerung insgesamt, gilt zwar durch eine hohe Impfquote um die 90 Prozent als gut geschützt. Dennoch sind in der Bevölkerungsschicht unter 30 Jahren mehr als zwölf Millionen Europäer nicht mehr geimpft.

Polio wird durch einen hoch ansteckenden Virus, der das Nervensystem befällt, übertragen und kann irreversible Lähmungen innerhalb weniger Stunden verursachen. Übertragen wird die Krankheit hauptsächlich durch Schmierinfektion (Stuhl-Hand-Mund). Kinder unter fünf Jahren sind am meisten gefährdet. Es gibt keine Heilung. Die WHO wertete die aktuellen Erkenntnisse entsprechend und bezeichnet sie als „wahrhaft historisch“, das berichtet die BBC.

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