Studie: Ökonomischer Fortschritt löscht Sprachen aus

Britische Wissenschaftler sind überzeugt, dass der wirtschaftliche Fortschritt das Aussterben von Sprachen vorantreibt. In einer Studie fanden sie heraus, dass Minderheitensprachen ausgerechnet in den entwickelsten Teilen der Welt wie Nordamerika, Europa und Australien am meisten gefährdet sind. Rettung gibt es aber offenbar in der digitalen Welt.

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Wer die dominante Sprache in einem Land nicht spricht, bleibt politisch und wirtschaftlich im Abseits. (Foto: Flickr/ Microphones by Håkan Dahlström CC BY 2.0)

Wer die dominante Sprache in einem Land nicht spricht, bleibt politisch und wirtschaftlich im Abseits. (Foto: Flickr/ Microphones by Håkan Dahlström CC BY 2.0)

Forscher von der University of Cambridge fürchten um die globale Sprachvielfalt. Gerade in den Staaten mit dem größten ökonomischen Fortschritt, würde der Sprachschatz von Minderheiten zusehends verschwinden. Sie fordern daher weitreichendere Bemühungen als bisher, um diese vor dem Aussterben zu schützen.

„Weltsprachen gehen derzeit schnell verloren. Das ist eine ernste Situation“, zitiert die BBC Studienautorin Dr. Tatsuya Amano. Im Rahmen ihrer Studie wollte ihr Team wissen, wie sich diese Verluste weltweit verteilen und vor allem, was die Hauptantriebsfedern hierfür sein könnten. Mittels bereits bestehender Datenbanken wurden zunächst die bedrohten Sprachen identifiziert. Dann erfolgte ein Abgleich mit Wachstumsraten und Bruttosozialproduktwerten. Ihre Erkenntnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun in Proceedings of the Royal Society B.

Amano, die sich sonst mit dem Artensterben in der Tierwelt befasst, kommt zu dem Fazit, dass sich basierend auf den Kriterien der International Union for Conversation of Nature (IUCN), mit denen das Aussterberisiko von Tier-und Pflanzenarten bestimmt wird, rund 25 Prozent der derzeit gut 7000 gesprochenen Sprachen weltweit in Gefahr befinden. Besonders brisant: Je erfolgreicher ein Land wirtschaftlich war, desto schneller gingen seine Sprachen verloren. Beispielhaft sei hier etwa Ober Tanana. Die Sprache würde derzeit von weniger als 25 Personen in Alaska gesprochen, Sie sei in akuter Gefahr für immer zu verschwinden. Sorgenvoll blicken die Wissenschaftler aber auch auf das skandinavische Ume Sami oder Auvergne in Frankreich.

„In entwickelten Volkswirtschaften gibt es meist eine Sprache, die die politischen und pädagogischen Bereiche eines Landes dominiert“, so Amano. Die Menschen würden entsprechend dazu gezwungen, sich diese Sprache anzueignen. Täten sie das nicht, blieben sie in der jeweiligen Gesellschaft außen vor – politisch und wirtschaftlich.

Das Team fand jedoch auch heraus, dass sich selbst Sprachen im Himalaya in Gefahr befinden. So habe das Bahing in Nepal nur noch schätzungsweise acht lebende Sprecher. In den Tropen gäbe es ebenfalls Sprachen, die kurz vor dem Verschwinden stünden. Die Forscher liefern auch hierfür eine plausible Erklärung: „Diese Länder erleben derzeit ein rasantes wirtschaftliches Wachstum. Also besteht auch bei diesen Sprachen in naher Zukunft das Risiko auszusterben“, sagt die Studienleiterin. Die Forscher fordern die betroffenen Regionen nun auf, stärker aktiv zu werden. Wie das erfolgreich vonstatten gehen könnte, hätte man etwa mit dem Walisischen in Großbritannien gezeigt.

Die Studienergebnisse bestätigt auch Daniel Kaufman Geschäftsführer der Allianz für bedrohte Sprachen. Gegenüber der BBC erklärt er: „Umweltfaktoren werden mittlerweile von sozialen, politischen und wirtschaftlichen Faktoren überlagert. Wir sehen jetzt ein Muster der sprachlichen Vielfalt, das ursprünglich von der Umwelt geprägt wurde und sich nun zu einem Muster wandelt, das von Politik und wirtschaftlichen Realitäten geprägt ist.“ Kaufmann möchte den ökonomischen Aspekt jedoch nicht überbewerten. So gebe es auch innerhalb sprachlicher Hotspots Areale, die sich etwa durch Abwanderung vollständig entleerten. Genaue Zahlen seien zu dieser neuen Entwicklung jedoch noch nicht verfügbar.

Dass für den Erhalt bedrohter Sprachen vor allem das Internet von Nutzen sein könnte, das stellte K David Harrison, Professor für Linguistik am Swarthmore College und National Geographic Fellow bereits vor zwei Jahren fest. Ihm zufolge könnten Facebook, YouTube und sogar SMS bei der Rettung von vielen der weltweit bedrohten Sprachen behilflich sein. So würden zum Beispiel nordamerikanische Indianerstämme durchaus auf die Sozialen Medien zurückgreifen und so ihre Sprache bewahren. Tuvan, das von Völkern in Sibirien und der Mongolei gesprochen wird, habe sogar eine eigene iPhoneApp. Mit dieser könnten Neulinge etwa die Aussprache von Wörtern erlernen, berichtete die BBC.

Harrison bezeichnete diese Entwicklung als positiven Aspekt der Globalisierung. Durch die digitale Technologie erhalte die Sprache eine globale Stimme und könne ein weltweites Publikum erreichen.

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